Nachhaltige Stadtentwicklung - Beitrag BBU

Nachhaltige Stadtentwicklung

Nachhaltige Stadtentwicklung in urbanen Systemen am Beispiel des Berliner Alexanderplatzes

Beitrag für den Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen
BBU Nachrichten | Ausgabe Oktober 2017
von Max Rudolph

 

Nachhaltigkeit ist auf städtischem Maßstab eine schwer zu greifende Eigenschaft. Urbane Systeme bestehen aus einer Vielzahl komplexer Mechanismen und Abhängigkeiten. Die ihr zugrundeliegenden Erkenntnisse werden konstant durch Wissenschaften fundiert, von Experten überprüft und weiterentwickelt. Jeder dieser Akteure – vom Grünraumplaner, über die Wasser- und Energieversorger, den Stadtsoziologen, den Mobilitätsexperten bis zu den einzelnen Fachplanern eines Gebäudes – kennt seine Aufgaben, seine Möglichkeiten und Grenzen. Diese Berufs- und Professionsvielfalt ermöglicht uns jedoch nicht nur eine Zunahme des Erkenntnisgewinns. Sie erwartet von uns auch, dieses Wissen zwischen den Beteiligten zu transportieren, zu qualifizieren und zu quantifizieren. Dieses intellektuelle Kapital kann jedoch nur dann adäquat zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen, wenn alle Akteure gemeinsam an ihrer Gestaltung arbeiten.

 

Der Plan

Doch diese Art der Planungskultur existiert noch nicht lange in dieser Form. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Architekt nicht nur das einzelne Gebäude entwarf, sondern auch das städtische Gesamtgefüge nach seinem Gesellschaftsbild. Während man früher, getrieben vom Fortschrittsoptimismus und im Glauben an technisch-strukturelle Problemlösungen, einen sehr linearen Planungsprozess verfolgte, gilt es heutzutage verschiedenste Entwurfsparameter spezifisch abzuwägen und anzuwenden.
Um tiefer in dieses Thema einzutauchen, werfen wir einen Blick auf den Berliner Alexanderplatz. Nach wie vor finden die aktuellen Planungen ihren Ursprung in dem Ergebnis des im Jahr 1993 entschiedenen Wettbewerbsverfahrens. Architekt Prof. Hans Kollhoff konzipierte zu jener Zeit dreizehn 150 Meter hohe Hochhaustürme inklusive Sockelbebauung, um den Alexanderplatz zu einem dichten, urbanen Cluster zu entwickeln. In dem Glauben, Berlin würde sich zu einem europäischen Finanzzentrum entwickeln, überformte die Top-Down-Planung das bauliche Erbe der DDR und konzipierte Büros, Wohnungen und Hotelzimmer für die gesellschaftliche Elite.

Wir leben heute in einer zunehmend digitalisierten Welt, in der sich Lebensentwürfe immer schneller wandeln und die klassischen Gesellschaftsmodelle zur Randerscheinung werden.

Das Alleinstellungsmerkmal Berlins, das der Stadt zu ihrem heutigen Erfolg verhalf: durchmischt, vielfältig und bezahlbar für jedermann in allen Teilen der Stadt zu sein, wurde als städtische Qualität nicht erkannt. Dabei sind es diese drei Faktoren, die sich für die Stadtentwicklung als sehr nachhaltig hervorgetan haben. Sie zu ignorieren hat sich in den Folgejahren für das Projekt als Niederlage erwiesen. Kein Investor war in Anbetracht der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung der Stadt Berlin an den Hochhäusern am Alexanderplatz interessiert. Dennoch hielt man seitens der Senatsverwaltung an den kühnen Plänen fest – und das seit inzwischen fast 25 Jahren. Innerhalb dieses Zeitraums haben sich die Bedürfnisse der Stadt und ihrer Bewohner drastisch geändert. Wir leben heute in einer zunehmend digitalisierten Welt, in der sich Lebensentwürfe immer schneller wandeln und die klassischen Gesellschaftsmodelle zur Randerscheinung werden. Die Planung hingegen kommt dieser Dynamik mit ihren tradierten Instrumentarien kaum hinterher.

Planungen und Planungsinstrumente sollten sich gesellschaftlichen und somit auch ökonomischen Entwicklungen anpassen können.

Dieses Top-Down-Verständnis von Stadtplanung scheint heutzutage sehr fragwürdig. Eine Stadt sollte ein Abbild der Gesellschaft und somit ihrer Bewohner sein und nicht einem von Experten festgelegten Schönheitsideal hinterher eifern. Planungen und Planungsinstrumente sollten sich gesellschaftlichen und somit auch ökonomischen Entwicklungen anpassen können. Wenn es keinen Bedarf für das Errichten von Hochhäusern gibt, was sich im konkreten Beispiel an der fehlenden Investitionsbereitschaft der Investoren bemerkbar macht, gibt es keinen Grund untätig abzuwarten. Vielmehr sollte es der Plan gestatten, diese Parameter zu berücksichtigen und das städtebauliche Konzept flexibel, lösungsorientiert und nachhaltig in eine reagierende Systematik einzupassen.

 

Die Schnittstelle

In Anbetracht der Vielschichtigkeit der Expertise gewinnt die Schnittstellenarbeit zunehmend an Bedeutung. Ein Architekt, sei er noch so gut, wird nie in der Lage sein, ein Konstrukt von der Komplexität des Alexanderplatzes im formalen Alleingang gänzlich zu überblicken und schlussendlich mithilfe eines starren Entwurfs adäquat auf die Situation zu reagieren. Das Verhandeln von Interessen der verschiedenen Akteure rückt in den Vordergrund. Der Entwurf wird dabei immer nur eine mögliche Variante in einem Pool von Variationen und Gewichtungen darstellen. Wir müssen lernen uns von der Illusion des Perfekten zu verabschieden und unsere Planung dieser Erkenntnis anzupassen, um zu nachhaltigeren Ansätzen zu kommen

 

Wir müssen lernen uns von der Illusion des Perfekten zu verabschieden und unsere Planung dieser Erkenntnis anzupassen, um zu nachhaltigeren Ansätzen zu kommen.

Unser heutiges Verständnis von integraler Stadtplanung, welches sich in der Multiplikation der Fachplaner und Beteiligten abbildet, begründet sich in einer situationsspezifischen Vorgehensweise, die sich kontextuell ausgewählter Instrumentarien bedient. Wir lernen, die Stadt als riesigen Organismus in kleine Portionen aufzuteilen, sie zu analysieren und schließlich wieder neu zusammenzusetzen. Um hier erfolgreich zu sein, hilft es nicht nur, die selektierten Teilbereiche des Systems zu betrachten und fortzuschreiben. Jede Modifikation muss auf ihre Auswirkungen zu ihren benachbarten Disziplinen überprüft und justiert werden. Dafür müssen wir in der Lage sein, gemeinsam und kooperativ als Planer und Beteiligte an den Modellen und Abhängigkeiten der Szenarien zu arbeiten.

Für eine solch interdisziplinäre, dynamische Zusammenarbeit benötigt es flexible Kommunikationswerkzeuge. Ein Plan als Kommunikationsmittel ist ein fest geschriebenes Blatt Papier, welches einzig der Vermittlung von räumlichen Informationen dient. Neue Informationstechnologien können diese Inhalte deutlich effizienter verarbeiten, visualisieren und dynamisch halten.

 

Die Parameter

Perfektion in Bezug auf Stadtplanung ist nicht zuletzt durch die sich mit zunehmendem Tempo wandelnden Lebensentwürfe der Menschen ein Wunschdenken. Hier braucht es den Mut, sich von der absoluten Planung zu distanzieren und Möglichkeitsräume für spätere Entwicklungen zu lassen. Uns bekannte, attraktive Quartiere stellen nie ein Produkt vollendeter und bis ins Detail durchgängig konzipierter Setzungen dar. Wir neigen dazu, in der Überregulation alle Unwägbarkeiten auszuschließen, dabei bilden sich gerade die ungeplanten Entwicklungen oft als Qualitäten heraus.

Hinzu kommt die Entwicklung einer sich demokratisierenden Gesellschaft. Bewegungen wie die Bürgerproteste um „Stuttgart 21“ zeigen, dass die Gesellschaft nicht länger bereit ist, die Resultate von nicht-öffentlichen Expertengremien unmündig entgegen zu nehmen. Die Digitalisierung erlaubt es uns, sich ständig und überall innerhalb eines Netzwerks auszutauschen, Probleme und Fragen zu teilen und uns neues Wissen selbst anzueignen. Jeder und jede kann sich heute mithilfe gängiger technischer Ausstattungen an Diskussionen beteiligen, seien es triviale oder hochkomplexe Fragestellungen. Den Chancen und Möglichkeiten, die dieser neuen Form einer digitalen Beteiligungskultur innewohnen, widmen wir uns in unserer Arbeit bei Form Follows You – einem jungen Büro mit der Fokussierung auf nutzergenerierte Architektur durch digitale Kollaboration und Repräsentation. Seit September 2016 arbeiten wir an der Kopplung digitaler Prozessketten mit demokratischen Partizipationsverfahren.

Wir neigen dazu, in der Überregulation alle Unwägbarkeiten auszuschließen, dabei bilden sich gerade die ungeplanten Entwicklungen oft als Qualitäten heraus.

Mühsame und oft nicht zielführende Gespräche und Diskussionen können vermieden und innerhalb einer abstraktionsreduzierten Umgebung erfasst werden. Bezogen auf den Alexanderplatz können wir heute in Echtzeit physikalische Gegebenheiten, wie Schattenwurf, Windströmungen und Verkehrsflüsse mit den Ratschlägen der Fachplaner, den Wünschen der Investoren und den Vorstellungen der Nachbarschaft überlagern und darstellen. Die Vor- und Nachteile einzelner Entscheidungen werden aus dem geschlossenen System des Planungsbüros transparent und unmittelbar in digitalen Modellen zur Disposition gestellt. Komplexe städtische Zusammenhänge und Synergieeffekte können leicht verständlich abgebildet werden und zur räumlichen Gestaltung einer flexiblen, offenen und nachhaltigen Entwicklung beitragen.

 

Fazit

Anstatt uns Planer als Leidtragende im „Mitbestimmungswahn“ zu begreifen, sollten wir Chancen und Potenziale technischer Entwicklungen erkennen und nutzen, um die Herausforderungen unserer Zeit erfolgreich zu meistern. Offene und zugängliche Systeme, die nicht dem Zwang der Perfektion und stetigen Optimierung unterliegen, ermöglichen den Spielraum zur nachträglichen Adaption und können somit eine höhere Nachhaltigkeit erreichen. In diesem Sinn glauben wir, dass Stadtplanung durch gut kommunizierte Prozesse Architektur in Einklang mit den Wünschen der Beteiligten bringen kann und freuen uns, unseren Teil dazu beitragen zu dürfen.

 

In diesem Sinn glauben wir, dass Stadtplanung durch gut kommunizierte Prozesse Architektur in Einklang mit den Wünschen der Beteiligten bringen kann und freuen uns, unseren Teil dazu beitragen zu dürfen.